EEeeendlich... Hier ist mein Beitrag zum Finale:
Aus einer anderen Zeit
Kopflos
renne ich durch die Nacht. Kann nicht denken, kann nicht hören, kann
nicht fühlen. Kann nichts sehen vor lauter Tränen. Rote Tränen,
Tränen der Wut. Tränen des Hasses. Tränen der Enttäuschung.
Ich
renne, obwohl ich keine Luft bekomme, renne, obwohl ich meine Beine
nicht bewegen kann. Bin auf der Brücke und klettere über das
Geländer. Kann so nicht mehr leben, mit dieser Wut und Trauer im
Bauch. Lasse das Eisen in meinen Händen los. Warte, bis der Wind in
meinen Rücken fährt und mich fort trägt.
Und dann
falle ich. Immer tiefer und tiefer zieht mich die Erde an, wie ein
Magnet, etwas reißt an mir, ein Sog von unten. Weiß nicht, was es
ist. Ewigkeitenlang erscheint mir diese Zeit, zeitlos und zeitvoll.
Hart ist
der Aufprall, als ich ankomme, die Augen öffne, und sich nichts mehr
dreht. Schmerzhaft weißes Licht. Nehme unnatürlich laut die
Geräusche auf, röhrender Motorenlärm ganz dicht an meinem Kopf.
Eine Glocke etwas weiter weg. Und der metallene Klang von
beschlagenen Pferdehufen.
Meine
Augen haben sich allmählich an das helle Licht gewöhnt und ich
setze mich auf.
Versuche,
mich zu orientieren. Wo bin ich? Und - Wer
bin ich?!
Panisch
blicke ich mich um. Sehe Menschen in albernen Kostümen. Eine
Straßenbahn – historisch anmutend – hält neben mir. Füße
streifen mich, treten mich, trampeln mich fast nieder. Erschrocken
versuche ich auszuweichen.
Die Bahn
fährt weiter, die Leute um mich herum verteilen sich schnell, und
ich bin wieder allein. Allein, mitten auf einer Straße hockend,
anscheinend während eines dieser Historienspiele. Ein hysterisches
Kichern kroch langsam aus meinem Bauch hinauf in meine Kehle.
Vorbeieilende Passanten tuscheln. Ich muss die Worte gar nicht hören
um zu wissen, dass sie sich ihr Maul über mich zerreißen, ihre
heimlichen Blicke aus den Augenwinkeln reichen da völlig. Ich stehe
auf und klopfe mir den Staub aus der Hose. Nun habe ich eine bessere
Sicht auf die Straße. Sie ist mir vertraut… und doch ganz anders.
Mir gegenüber ist ein Portal. Dort drinnen scheint irgendwas zu
sein, denn die imposanten Eingangstüren stehen offen.
Langsam
gehe ich über das Kopfsteinpflaster auf das stuckverzierte Haus zu.
Meine Füße brennen. Ich bin barfuß. Fluchend humple ich weiter,
bis eine quäkende Hupe neben mir ertönt. Vor Schreck ganz starr bin
ich in meiner Bewegung eingefroren, sehe grade noch das Auto und dann
– bremst es.
Mein
Herz ist mir mittlerweile in die Hose gerutscht, ich kann mich kaum
aufrecht halten, weil sich meine Beine anfühlen wie Wackelpudding.
Dem Fahrer scheint es ähnlich zu gehen. Ein Mann im Frack steigt aus
dem Auto – ein schwarzer Oldtimer. Wahnsinn, mit welcher
Detailtreue dieses Fest begangen wird. Nur seltsam, dass nirgendwo
Werbefirmen stehen oder Girlanden hängen. Überhaupt sind für so
eine Show ziemlich wenig Leute unterwegs…
Mittlerweile
hat sich der Mann vor mir aufgebaut, mit Zylinder, Monokel und
Gehstock steht er vor mir, einen braunen
Kaiser Wilhelm Bart im
Gesicht. Hinter ihm beschwert sich lautstark ein Kutscher, der mit
seinem schnaubenden Gespann nicht am Oldtimer vorbeikommt. Während
sich der Autofahrer mit dem Kutscher beschäftigt – lautstarkes
Anbrüllen über Motorröhren und Pferdeschnauben hinweg – stehle
ich mich davon, mit etwas sichereren Beinen und auf die Automobile um
mich herum achtend, das große Portal erst einmal hinter mir lassend.
Der Wind
lässt angenehm warme Brisen über die Straße ziehen, der Himmel ist
klar, und ich bemerke, dass alle Frauen grässliche Spitzenkleider
tragen. Und Regen – nein, Sonnenschirme. Eine Kirchturmglocke
erklingt in der ferne und ich sehe mich suchend nach ihr um. Der
Anblick, der sich mir bietet, ist mir sehr vertraut, ich sehe die
beiden Domtürme, einer mit und einer ohne Turmkreuz. Ein Schritt zur
Seite und da ist das Liebfrauenkloster, noch einer die Petrikirche.
Immer weiter drehe ich mich schrittweise, bis ich alle 7 Türme
durchgezählt hab. Aber es sind nicht nur 7 Kirchtürme, es sind
etliche mehr. Viele
davon kann ich nicht mehr betiteln, drehe mich nur immer weiter um
mich selbst, schaue und staune in der Straße. Aber wenn dort die
Türme sind, und die Straßenbahn hier fährt…
Aber
erstaunlicherweise kann ich alle sehen. Normalerweise müssten sie
von Neubauten verdeckt sein...
Ohne
Rücksicht auf meine Füße oder andere Passanten stürme ich, von
einem Gedankenblitz geleitet, in die Richtung, in der ich das
Opernhaus vermute. Und richtig, dort steht es! Nur – wie auch alles
andere hier – sieht es so fremd aus hinter all der Vertrautheit.
Ich gehe
die riesige Eingangstreppe hinauf, die so viel größer wirkt als ich
sie in Erinnerung habe. Die dunklen Holztüren sind von Marmor
umgeben, wie das Gebäude vorhin – die Stadtbibliothek! Nur hat sie
eigentlich eine Leuchtreklametafel…
Ein sehr
ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit, flau und schwer
liegt es wie ein Monster auf der Lauer. Wird größer, steigt auf.
Noch kann ich es mit Mühe unterdrücken.
Ich
gehe, barfuß wie ich bin, über den roten samtenen Teppich - so
weich und dick, dass meine schmutzigen Füße darin versinken – bis
zur Empfangsdame hinter dem Tresen. Auch er ist aus Marmor, weiß mit
grauen Maserungen.
Ein
Programm verlange ich von ihr, und sie – unsicher, ob sie mit
jemanden der so aussieht wie ich überhaupt sprechen will – reicht
es mir mit verzogenem Gesicht.
Es ist
ein Programm für den Sommer 1913.
„Gute
Frau!“, rufe ich aus und halte ihr das Heft unter die Nase, „was
soll ich denn damit bitteschön?“ Erschrocken über meinen wohl
wilden Ausruf nimmt sie mir mit zitternden Händen das Papier aus der
Hand.
„Aber…“,
stammelt sie.
„Das
Programm für heute will ich haben!“
„Das
steht doch dort drin, sehen sie“, sagt die Dame und schlägt das
Heft auf. „Hier, der 9. Juni 1913.“
Entgeistert
schaue ich sie an und allmählich übermannt mich der Gedanke. Dieser
eine Gedanke, den ich für absolut unmöglich gehalten hab. Ich
bin in der Zeit gesprungen!
Nein!
Das kann nicht sein. Gestern war der 8. Juni. Aber 100 Jahre später.
Wie kann ich? Unmöglich! Ich bin... Moment. Was hab ich gemacht?
Langsam
dringen die Gedanken an den gestrigen Abend zu mir durch. Viel
langsamer als sonst.
Ich
bin von einer Brücke gesprungen. Ich hätte tot sein sollen! Ich...
lebe ich noch?!
Noch
verwirrter als ohnehin schon antwortet mir die Empfangsdame: „Sie
stehen genau vor mir, Fräulein, ich denke schon, dass Sie noch
leben!“
Panisch
drehe ich mich um und verlasse das Foyer wieder, laufe die marmornen
Stufen der ausladenden Treppe entlang und stehe wieder auf dem Platz.
Der Opernplatz, so heißt er 2013. So wird er heißen.
Warum
bin ich hier? Ausgerechnet, von allen Plätzen und Straßen auf der
Welt, in allen Zeiten, und überhaupt. Müsste ich nicht im...
Himmel... sein?
Ich
bekomme eine Gänsehaut, obwohl die Sonne wärmende Strahlen
ausschickt. Aber jetzt erreichen sie mich nicht. Wie eine Schneekugel
bildet sich eine Mauer zwischen mir und der Außenwelt.
Ich
versuche, mich zu sammeln, und gehe mit unsicheren Schritten den
Breiten Weg hinauf. Nach und nach erkenne ich Einzelheiten wieder,
einzelne Stuckverziehrungen, die bis heute... in 100 Jahren noch
erhalten geblieben sind. Gebäude, die sich grundlegend verändert
haben.
Die
Stadtbibliothek zeigt ihr hübsches Portal, das noch immer einladend
offen steht. Ich erinnere mich daran, hier früher immer mir meiner
Mama gewesen zu sein. Das kleine aber feine Kinderland, mit bunten
Bildern geschmückt und mit Geschichten, die mein Leseherz geöffnet
haben.
Verträumt
merke ich, dass ich stehen geblieben bin. Ich gehe einige Schritte
weiter, nicht ohne wieder einmal fast von einer Kutsche überfahren
zu werden. Der Kutscher brüllt mich an und schwingt seine Peitsche
nach mir.
Wieder
bemerke ich die pastellfarbenen Spitzenkleider der vor allem jungen
Frauen und blicke an mir hinab. Ich trug die vor Schmutz starren
Klamotten von gestern Abend. Ich bin wohl mehrmals zu Boden gestürzt,
denn ich sehe mehrere blutverschmierte Risse an meiner Jeans. Mein
T-Shirt war neu, doch jetzt sehen die asymmetrisch geschnittenen
Ärmel aus wie total zerrissen, alt und als sei es nicht mal als
Putzlappen zu gebrauchen.
Tränen
steigen mir in die Augen. Bloß nicht heulen! Heule nie nie niemals
in der Öffentlichkeit. Nicht einmal, wenn du dich in einem anderen
Jahrhundert befindest. Tränen sind privat, hinter der verschlossenen
Tür dürfen sie fließen – hier nicht.
Schniefend
wische ich mir die Augen wieder trocken und reiße mich zusammen. Ich
gehe weiter, am Konservatorium vorbei, das im Moment noch gar nicht
existiert. Hier habe ich meinen ersten richtigen Kontakt zur
Musikwelt knüpfen können. Mit Xylophon und Klanghölzern sehe ich
mich mit anderen Kindern im Kreis sitzen, ich habe ein solches Foto
im Schrank liegen.
Unwillkürlich
keimt in mir der Wunsch nach meinem Klavier auf. Ich will nicht mehr
hier sein, die zeitlose Welt der Töne reicht mir im Augenblick
völlig.
Und
als hätten meine Gedanken mich geleitet stehe ich plötzlich vor
einem Laden. Ich weiß nicht, ob es ein richtiger Laden ist, oder nur
eine Art Galerie. Von drinnen erklingt Musik, eine bekannte Melodie
setzt sich in meinen Ohren fest. Ich betrete den Raum so leise ich
kann und schleiche mich näher an die Musik.
Ein
Junge, eigentlich schon eher ein junger Mann, sitzt auf einem
Klavierhocker und spielt verträumt ein Stück, das ich schon
irgendwann mal irgendwo gehört habe. Ein Cellist sitzt daneben und
fällt nach einigen Takten in das Stück ein. Ich kann mich nicht von
dem Anblick losreißen, erst als sich die schwere große Hand eines
alten Mannes auf meine Schulter legt fahre ich erschrocken zusammen.
Mühsam unterdrücke ich einen Aufschrei.
Wie
in Zeitlupe drehe ich mich um, gelähmt von dem unvorhersehbaren
Ereignis, das mich aus meinen Gedanken gerissen hat.
Verbrauchter
Pfefferminzatem mischt sich mit Pfeifenqualm, der mir direkt in meine
Nase gepustet wird. Hustend stolpere ich ein paar Schritte rückwärts,
die Musiker hören auf zu spielen und nur knapp kann mich der Pianist
auffangen, bevor ich zu Boden segeln kann. Ich bin über einen
Instrumentenkoffer gestolpert, den ich bisher nicht gesehen habe. Der
Pianist lächelt freundlich, aber sichtlich geschockt, und stellt
mich zurück auf meine Beine. Als hätte er Angst, ich könnte noch
einmal umfallen, lässt er mich nicht los.
Brummelnd
mustert mich der alte Mann mit der Pfeife. Er trägt einen langen
struppigen Bart und schaut mich aus kleinen Seemannsaugen müde an.
„Wer
bist du denn?“, grummelt er, als ich nach einigen Minuten noch
immer stocksteif im Zimmer stehe, im Arm des Pianisten.
„Ich...
ich...“, stammele ich und denke an das letzte Mal, als ich mich so
gefühlt habe. Ich war 12 oder so, und hatte mich in einen Jungen aus
meiner Schule verschossen. Er war zwei Klassen über mir, und ich
traute mich natürlich nicht, ihn anzusprechen.
Umso
überrumpelter war ich, als ich in seinen Klassenraum geschickt
wurde, um etwas für den Unterricht zu holen. Ich weiß nicht mehr,
was es war, ich erinnere mich nur noch daran, dass ich stumm und mit
großen Augen in der Tür stand und kein Wort herausbringen konnte.
Genauso wie jetzt.
„Ich
wollte nur zuhören“, bringe ich schließlich irgendwie über die
Lippen, leise und kaum verständlich, aber die Männer nickten
verständnisvoll, als wüssten sie, wie ich mich fühle.
„Ich
glaube, ich gehe jetzt“, murmle ich und versuche, mich von der
Pianistenhand zu lösen. Was leider nicht so klappt, wie ich es
möchte. Er verstärkt seinen Griff um meinen Arm noch ein wenig und
sieht zum Cellisten hinüber.
Sie
sehen sich ähnlich, wie Brüder.
Und
sie haben die gleichen Augen. Und können sich offenbar nur durch
Blicke verständigen, denn jetzt nimmt der Cellist meinen anderen Arm
und zieht mich mit sich aus dem Zimmer. „Ich bringe dich zu Emma.
Meiner Verlobten“, fügt er hinzu, als ich ihn verdutzt ansehe.
„Sie
gibt dir etwas zum anziehen, so kann man dich ja nicht auf die Straße
lassen.“
Wenn
du wüsstest, denke ich. Doch ich sage nichts dazu.
Wir
gehen eine Treppe hinauf, wie eine kleine überdachte Brücke führt
sie über einen düsteren Innenhaus in ein Hinterhaus.
Emma,
stellt sich heraus, ist die kleine Emily, die kleine Schwester meiner
Freundin. Nur erwachsen. Und in ebenso spitzenbesetzten Kleidern wie
alle anderen Frauen hier auch.
„Emily?“,
frage ich erstaunt. Und dann schiebt sich ein Gedankenfetze vor meine
nächsten Wörter. Reinkarnation. Wiedergeburt. Neues Leben, neues
Glück. Vielleicht ist Emma ja Emily, aber 100 Jahre früher?
„Nein,
Emma“, antwortet sie ein wenig bissig. Au weia...
Dann
mustert sie mich, von Kopf bis Fuß, sodass es mir noch unangenehmer
ist als im Musikzimmer eben grade noch. Sie zieht ein Maßband hinter
einem Stapel Papiere hervor und vermisst mich, die Länge meiner
Arme, die Dicke meiner Oberschenkel. Der Umfang meiner Fesseln und
meines Kopfes. Eine Ewigkeit geht das so weiter, eine Ewigkeit, in
der ich Zeit habe, mir das Zimmer anzuschauen, in dem ich gelandet
bin. Es scheint eine Art Schneideratelier zu sein, falls es denn so
etwas gibt. Noch nie zuvor war ich in so einem gemütlichen und
gleichzeitig chaotischen Raum gewesen wie jetzt – mit Ausnahme
meines Zimmers zuhause. Zuhause, wie sich das anhört. Als wäre ich
verreist. Aber eigentlich hab ich nicht den Ort gewechselt, sondern
die Zeit. Wie nennt man so etwas?
Der
Cellist steht noch immer in der Tür, er scheint sich keinen
Zentimeter bewegt zu haben, und mustert mich intensiv. So intensiv,
dass es schon wieder unangenehm und peinlich ist.
Er
räuspert sich: „Woher kommst du?“
„Ähm...“,
wie sollte ich ihm meinen Aufzug erklären? Frauen, die Hosen tragen
sind sicherlich noch ziemlich selten in der Gesellschaft.
„Ich
komme hier aus der Nähe“, versuche ich auszuweichen.
„Nein,
nein, ich meine aus welcher Zeit bist du?“, ungeduldig wechselt er
das Standbein.
Was?!
Er wusste von diesem... Zeiten-änder-Ding? Und ich stehe
ahnungslos da und weiß nicht, wie ich den Leuten schonend meine
Garderobe erklären soll?
„Ja,
also... gestern war es noch 100 Jahre später“, stammele ich und
blicke auf den Boden.
Das
Fenster zu Hof steht offen und ich höre das Klavier wieder spielen.
„Sag
mal, woher weißt du eigentlich, dass ich aus einer anderen Zeit
komme?“
Er
erklärt mir geduldig, dass sich seit Jahrzehnten Menschen in die
Vergangenheit... verirrten. Seine Familie spüre sie auf und helfe
ihnen auf ihrem Weg zurück in die Zukunft, sagt er. Oder passt sie
an die neue Zeit an, wenn der Mensch in der Zukunft... nicht mehr
lebt. So wie ich.
„Soll
das heißen, ich sitze hier fest?“ Meine Stimme erhebt sich. So
laut habe ich den ganzen Tag noch nicht geredet.
Nun,
es hat mir ja bis jetzt niemand erzählt, dass ich mein restliches
Leben im 20. Jahrhundert verbringen werden.
Polternd
kommt der Mann mit dem weißen Rauschebart die knartschende
ausgetretene Holztreppe hinauf, schnaufend und mit einem leichten
Schweißfilm auf der Stirn stöhnt er.
„Hast
du ihr alles erklärt, Thomas?“ fragt er den Cellisten.
Thomas
nickt.
„Wie
heißt du?“
„Liv“,
antworte ich.
„Liv.
Die Abkürzung von Olivia?“
„Nein“,
ich schüttle den Kopf. Emma zischt geärgert. „Entschuldigung.
Nein, ich heiße nur Liv. L-I-V“, buchstabiere ich.
Der
alte Mann kratzt sich am Bart. „Dann wirst du jetzt wohl Olivia
heißen müssen, denn hier gibt es den Namen Liv nicht. Gut? Oder
willst du lieber einen anderen Namen?“
Stumm
sehe ich ihn an.
In
der Zeit springen, okay. Dann eröffnet bekommen, dass man nie wieder
in die eigene Zeit zurück kann, nicht schön, aber noch annehmbar.
Aber ein neuer Name? Ich glaube, da hört der Spaß wohl auf.
„Getauft
bin ich auf den Namen Livetta, falls das hilft. Aber so nennt man
doch nicht einmal seinen Hund!“
„Nun
ja“, hinter dem alten Mann ist der Pianist die Treppe
hinaufgekommen. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er aufgehört hat zu
spielen. „Haben wir nicht eine Großcousine namens Livetta?“,
fragt er, „Die aus Lübeck?“
„Stimmt.
Dann bist du jetzt Großcousine Livetta aus Lübeck, die hier
Landluft schnuppern möchte. Wie lange du hierbleibst, weiß noch
niemand. Dann sehen wir weiter.“
Sie
haben noch einige Male mit mir über mein „bisheriges Leben“
gesprochen, ich bin ein Stadtkind von der Ostsee, mein Vater besaß einen Handelskontor, kam aber vor einigen Wochen bei einem tragischen
Unfall ums Leben. Wenn jemand genaueres über ihn wissen will, dann
soll ich ein trauriges Gesicht machen und anfangen zu schluchzen. Ein
paar Tränen wären hilfreich, aber nicht gerade notwendig.
Jakob,
der Pianist, hat mir am frühen Abend dann, als ich fertig
eingekleidet bin – ein blasses blau, das meine blonden Haare
goldener aussehen lässt, als sie sind – bei einem Spaziergang
meine Stadt gezeigt. Den Breiten Weg weiter entlang. Dort wo heute –
nein, 2013, ich vergesse den Umstand meiner Zeitreise immer und
ständig – das Shoppingcenter steht, ist ein Theater. Es ist nicht
halb so imposant wie das Opernhaus, aber trotzdem interessant zu
sehen, was ein Jahrhundert vor meiner Zeit hier stand. Ich erzähle
ihm von dem Center, dem großen Springbrunnen im Untergeschoss, den
lustigen Nachmittagen mit meinen Freundinnen.
Und
ich erzähle ihm noch viel mehr, fast mein gesamtes bisheriges Leben.
Ich fasse es selbst nicht, warum ich einem so wildfremden Menschen
wie Jakob davon erzähle.
„Ich
habe vorhin deine Blicke gespürt“, sagt er in einer Pause in
meinen Ausführungen. Mittlerweile habe ich ihm alles über den
Breiten Weg erzählt was ich weiß. Wie er bei uns ist. Dass der
Domplatz sehr viel kleiner geworden ist, und fast die gesamte Straße
aus Ladenzeilen besteht. Kaum findet man ein Haus ohne bunt
geschmücktes Schaufenster. Jährlich kommen Touristen, um sich das
letzte Hundertwasserhaus anzusehen, das eigentlich kein richtiges
Hundertwasserhaus ist, weil Hundertwasser bereits vor Baubeginn
verstorben ist. Außerdem findet auf unserem Domplatz jedes Jahr ein
Freiluftmusical statt.
Und
er erzählt mir von seinen Erinnerungen an diese Straße.
Langsam
geht die Abendsonne in unserem Rücken unter, wir drehen uns um, um
ihr dabei zuzusehen, wie sie sich hinter den Domtürmen versteckt und
immer tiefer sinkt. Ein Geruch nach zuckersüßen Bonbons liegt in
der Luft.
Jakob
lässt mich ein paar Augenblicke auf der Straße stehen und betritt
ein Geschäft. Im Schaufenster liegen Lollis und Karamellen aus, eine
Eistüte wurde auf ein kleines Plakat gemalt und ins Schaufenster
gehängt. Ich sehe Jakob an dem kleinen Tresen stehen, hinter ihm ein
kleines Regal mit Schokolade.
Kurz
darauf kommt er wieder zu mir und reicht mir ein kleines Tütchen mit
Karamellbonbons und Türkischem Nougat. Wir setzen unseren Weg fort
und stehen kurz darauf wieder vor dem Haus von Jakobs Familie. Er
öffnet die Tür und hält sie Gentlemanlike für mich auf. Ich trete
ein und höre Musik aus dem Zimmer.
Diesmal
sitzt Thomas am Cello und spielt eine Variation des Themas von
vorhin.
Ich
bleibe stehen.
„Spielst
du auch?“, fragt Jakob und nimmt mir die Zuckertüte aus der Hand.
Klebriges
Süß hindert mich daran, ihm zu antworten. Ich nicke nur leicht,
aber er deutet es richtig und schiebt mich hinein.
„Spiel
etwas für uns!“, fordert Thomas mich auf und Jakob lächelt mir
aufmunternd zu.
Ich
setze mich und lege die Hände auf die Tasten.
Und
bin wieder in meiner eigenen Welt. Alles ist in Ordnung, ich bin
nicht weggelaufen, nicht gesprungen, nicht gestorben und nicht in der
Zeit gereist. Ich sitze einfach am Klavier und erschaffe allein mit
meinen Fingern eine eigene Welt.
Für
den Moment kann ich alles vergessen, sogar mich selber, aber ich
weiß, dass ich vor meinem Schicksal nicht davonlaufen kann.
Auf
keiner Straße der Welt.
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Liebe Sarah,
Wenn es nicht ganz so deinen Vorstellungen entsprochen hat, kann ich es voll und ganz nachvollziehen! Ich hatte das ganze eigentlich auch etwas anders geplant, aber es hat mich einfach übermannt...
Aber vielen Dank, dass ich bei deinem Wettbewerb mitmachen durfte! Es war eine Wohltat, mal 4 Seiten am Stück zu schreiben :D
Liebe Grüße und viel Spaß beim entscheiden :P
Lisa
Wow das ist so viel besser als meins ;)
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