Montag, 20. Januar 2014

Aus einer anderen Zeit

EEeeendlich... Hier ist mein Beitrag zum Finale:

Aus einer anderen Zeit

Kopflos renne ich durch die Nacht. Kann nicht denken, kann nicht hören, kann nicht fühlen. Kann nichts sehen vor lauter Tränen. Rote Tränen, Tränen der Wut. Tränen des Hasses. Tränen der Enttäuschung.
Ich renne, obwohl ich keine Luft bekomme, renne, obwohl ich meine Beine nicht bewegen kann. Bin auf der Brücke und klettere über das Geländer. Kann so nicht mehr leben, mit dieser Wut und Trauer im Bauch. Lasse das Eisen in meinen Händen los. Warte, bis der Wind in meinen Rücken fährt und mich fort trägt.
Und dann falle ich. Immer tiefer und tiefer zieht mich die Erde an, wie ein Magnet, etwas reißt an mir, ein Sog von unten. Weiß nicht, was es ist. Ewigkeitenlang erscheint mir diese Zeit, zeitlos und zeitvoll.
Hart ist der Aufprall, als ich ankomme, die Augen öffne, und sich nichts mehr dreht. Schmerzhaft weißes Licht. Nehme unnatürlich laut die Geräusche auf, röhrender Motorenlärm ganz dicht an meinem Kopf. Eine Glocke etwas weiter weg. Und der metallene Klang von beschlagenen Pferdehufen.
Meine Augen haben sich allmählich an das helle Licht gewöhnt und ich setze mich auf.
Versuche, mich zu orientieren. Wo bin ich? Und - Wer bin ich?!
Panisch blicke ich mich um. Sehe Menschen in albernen Kostümen. Eine Straßenbahn – historisch anmutend – hält neben mir. Füße streifen mich, treten mich, trampeln mich fast nieder. Erschrocken versuche ich auszuweichen.
Die Bahn fährt weiter, die Leute um mich herum verteilen sich schnell, und ich bin wieder allein. Allein, mitten auf einer Straße hockend, anscheinend während eines dieser Historienspiele. Ein hysterisches Kichern kroch langsam aus meinem Bauch hinauf in meine Kehle. Vorbeieilende Passanten tuscheln. Ich muss die Worte gar nicht hören um zu wissen, dass sie sich ihr Maul über mich zerreißen, ihre heimlichen Blicke aus den Augenwinkeln reichen da völlig. Ich stehe auf und klopfe mir den Staub aus der Hose. Nun habe ich eine bessere Sicht auf die Straße. Sie ist mir vertraut… und doch ganz anders. Mir gegenüber ist ein Portal. Dort drinnen scheint irgendwas zu sein, denn die imposanten Eingangstüren stehen offen.
Langsam gehe ich über das Kopfsteinpflaster auf das stuckverzierte Haus zu. Meine Füße brennen. Ich bin barfuß. Fluchend humple ich weiter, bis eine quäkende Hupe neben mir ertönt. Vor Schreck ganz starr bin ich in meiner Bewegung eingefroren, sehe grade noch das Auto und dann – bremst es.
Mein Herz ist mir mittlerweile in die Hose gerutscht, ich kann mich kaum aufrecht halten, weil sich meine Beine anfühlen wie Wackelpudding. Dem Fahrer scheint es ähnlich zu gehen. Ein Mann im Frack steigt aus dem Auto – ein schwarzer Oldtimer. Wahnsinn, mit welcher Detailtreue dieses Fest begangen wird. Nur seltsam, dass nirgendwo Werbefirmen stehen oder Girlanden hängen. Überhaupt sind für so eine Show ziemlich wenig Leute unterwegs…
Mittlerweile hat sich der Mann vor mir aufgebaut, mit Zylinder, Monokel und Gehstock steht er vor mir, einen braunen Kaiser Wilhelm Bart im Gesicht. Hinter ihm beschwert sich lautstark ein Kutscher, der mit seinem schnaubenden Gespann nicht am Oldtimer vorbeikommt. Während sich der Autofahrer mit dem Kutscher beschäftigt – lautstarkes Anbrüllen über Motorröhren und Pferdeschnauben hinweg – stehle ich mich davon, mit etwas sichereren Beinen und auf die Automobile um mich herum achtend, das große Portal erst einmal hinter mir lassend.
Der Wind lässt angenehm warme Brisen über die Straße ziehen, der Himmel ist klar, und ich bemerke, dass alle Frauen grässliche Spitzenkleider tragen. Und Regen – nein, Sonnenschirme. Eine Kirchturmglocke erklingt in der ferne und ich sehe mich suchend nach ihr um. Der Anblick, der sich mir bietet, ist mir sehr vertraut, ich sehe die beiden Domtürme, einer mit und einer ohne Turmkreuz. Ein Schritt zur Seite und da ist das Liebfrauenkloster, noch einer die Petrikirche. Immer weiter drehe ich mich schrittweise, bis ich alle 7 Türme durchgezählt hab. Aber es sind nicht nur 7 Kirchtürme, es sind etliche mehr. Viele davon kann ich nicht mehr betiteln, drehe mich nur immer weiter um mich selbst, schaue und staune in der Straße. Aber wenn dort die Türme sind, und die Straßenbahn hier fährt…
Aber erstaunlicherweise kann ich alle sehen. Normalerweise müssten sie von Neubauten verdeckt sein...
Ohne Rücksicht auf meine Füße oder andere Passanten stürme ich, von einem Gedankenblitz geleitet, in die Richtung, in der ich das Opernhaus vermute. Und richtig, dort steht es! Nur – wie auch alles andere hier – sieht es so fremd aus hinter all der Vertrautheit.
Ich gehe die riesige Eingangstreppe hinauf, die so viel größer wirkt als ich sie in Erinnerung habe. Die dunklen Holztüren sind von Marmor umgeben, wie das Gebäude vorhin – die Stadtbibliothek! Nur hat sie eigentlich eine Leuchtreklametafel…
Ein sehr ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit, flau und schwer liegt es wie ein Monster auf der Lauer. Wird größer, steigt auf. Noch kann ich es mit Mühe unterdrücken.
Ich gehe, barfuß wie ich bin, über den roten samtenen Teppich - so weich und dick, dass meine schmutzigen Füße darin versinken – bis zur Empfangsdame hinter dem Tresen. Auch er ist aus Marmor, weiß mit grauen Maserungen.
Ein Programm verlange ich von ihr, und sie – unsicher, ob sie mit jemanden der so aussieht wie ich überhaupt sprechen will – reicht es mir mit verzogenem Gesicht.
Es ist ein Programm für den Sommer 1913.
„Gute Frau!“, rufe ich aus und halte ihr das Heft unter die Nase, „was soll ich denn damit bitteschön?“ Erschrocken über meinen wohl wilden Ausruf nimmt sie mir mit zitternden Händen das Papier aus der Hand.
„Aber…“, stammelt sie.
„Das Programm für heute will ich haben!“
„Das steht doch dort drin, sehen sie“, sagt die Dame und schlägt das Heft auf. „Hier, der 9. Juni 1913.“
Entgeistert schaue ich sie an und allmählich übermannt mich der Gedanke. Dieser eine Gedanke, den ich für absolut unmöglich gehalten hab. Ich bin in der Zeit gesprungen!
Nein! Das kann nicht sein. Gestern war der 8. Juni. Aber 100 Jahre später. Wie kann ich? Unmöglich! Ich bin... Moment. Was hab ich gemacht?
Langsam dringen die Gedanken an den gestrigen Abend zu mir durch. Viel langsamer als sonst.
Ich bin von einer Brücke gesprungen. Ich hätte tot sein sollen! Ich... lebe ich noch?!
Noch verwirrter als ohnehin schon antwortet mir die Empfangsdame: „Sie stehen genau vor mir, Fräulein, ich denke schon, dass Sie noch leben!“
Panisch drehe ich mich um und verlasse das Foyer wieder, laufe die marmornen Stufen der ausladenden Treppe entlang und stehe wieder auf dem Platz. Der Opernplatz, so heißt er 2013. So wird er heißen.
Warum bin ich hier? Ausgerechnet, von allen Plätzen und Straßen auf der Welt, in allen Zeiten, und überhaupt. Müsste ich nicht im... Himmel... sein?
Ich bekomme eine Gänsehaut, obwohl die Sonne wärmende Strahlen ausschickt. Aber jetzt erreichen sie mich nicht. Wie eine Schneekugel bildet sich eine Mauer zwischen mir und der Außenwelt.
Ich versuche, mich zu sammeln, und gehe mit unsicheren Schritten den Breiten Weg hinauf. Nach und nach erkenne ich Einzelheiten wieder, einzelne Stuckverziehrungen, die bis heute... in 100 Jahren noch erhalten geblieben sind. Gebäude, die sich grundlegend verändert haben.
Die Stadtbibliothek zeigt ihr hübsches Portal, das noch immer einladend offen steht. Ich erinnere mich daran, hier früher immer mir meiner Mama gewesen zu sein. Das kleine aber feine Kinderland, mit bunten Bildern geschmückt und mit Geschichten, die mein Leseherz geöffnet haben.
Verträumt merke ich, dass ich stehen geblieben bin. Ich gehe einige Schritte weiter, nicht ohne wieder einmal fast von einer Kutsche überfahren zu werden. Der Kutscher brüllt mich an und schwingt seine Peitsche nach mir.
Wieder bemerke ich die pastellfarbenen Spitzenkleider der vor allem jungen Frauen und blicke an mir hinab. Ich trug die vor Schmutz starren Klamotten von gestern Abend. Ich bin wohl mehrmals zu Boden gestürzt, denn ich sehe mehrere blutverschmierte Risse an meiner Jeans. Mein T-Shirt war neu, doch jetzt sehen die asymmetrisch geschnittenen Ärmel aus wie total zerrissen, alt und als sei es nicht mal als Putzlappen zu gebrauchen.
Tränen steigen mir in die Augen. Bloß nicht heulen! Heule nie nie niemals in der Öffentlichkeit. Nicht einmal, wenn du dich in einem anderen Jahrhundert befindest. Tränen sind privat, hinter der verschlossenen Tür dürfen sie fließen – hier nicht.
Schniefend wische ich mir die Augen wieder trocken und reiße mich zusammen. Ich gehe weiter, am Konservatorium vorbei, das im Moment noch gar nicht existiert. Hier habe ich meinen ersten richtigen Kontakt zur Musikwelt knüpfen können. Mit Xylophon und Klanghölzern sehe ich mich mit anderen Kindern im Kreis sitzen, ich habe ein solches Foto im Schrank liegen.
Unwillkürlich keimt in mir der Wunsch nach meinem Klavier auf. Ich will nicht mehr hier sein, die zeitlose Welt der Töne reicht mir im Augenblick völlig.
Und als hätten meine Gedanken mich geleitet stehe ich plötzlich vor einem Laden. Ich weiß nicht, ob es ein richtiger Laden ist, oder nur eine Art Galerie. Von drinnen erklingt Musik, eine bekannte Melodie setzt sich in meinen Ohren fest. Ich betrete den Raum so leise ich kann und schleiche mich näher an die Musik.
Ein Junge, eigentlich schon eher ein junger Mann, sitzt auf einem Klavierhocker und spielt verträumt ein Stück, das ich schon irgendwann mal irgendwo gehört habe. Ein Cellist sitzt daneben und fällt nach einigen Takten in das Stück ein. Ich kann mich nicht von dem Anblick losreißen, erst als sich die schwere große Hand eines alten Mannes auf meine Schulter legt fahre ich erschrocken zusammen. Mühsam unterdrücke ich einen Aufschrei.
Wie in Zeitlupe drehe ich mich um, gelähmt von dem unvorhersehbaren Ereignis, das mich aus meinen Gedanken gerissen hat.
Verbrauchter Pfefferminzatem mischt sich mit Pfeifenqualm, der mir direkt in meine Nase gepustet wird. Hustend stolpere ich ein paar Schritte rückwärts, die Musiker hören auf zu spielen und nur knapp kann mich der Pianist auffangen, bevor ich zu Boden segeln kann. Ich bin über einen Instrumentenkoffer gestolpert, den ich bisher nicht gesehen habe. Der Pianist lächelt freundlich, aber sichtlich geschockt, und stellt mich zurück auf meine Beine. Als hätte er Angst, ich könnte noch einmal umfallen, lässt er mich nicht los.
Brummelnd mustert mich der alte Mann mit der Pfeife. Er trägt einen langen struppigen Bart und schaut mich aus kleinen Seemannsaugen müde an.
„Wer bist du denn?“, grummelt er, als ich nach einigen Minuten noch immer stocksteif im Zimmer stehe, im Arm des Pianisten.
„Ich... ich...“, stammele ich und denke an das letzte Mal, als ich mich so gefühlt habe. Ich war 12 oder so, und hatte mich in einen Jungen aus meiner Schule verschossen. Er war zwei Klassen über mir, und ich traute mich natürlich nicht, ihn anzusprechen.
Umso überrumpelter war ich, als ich in seinen Klassenraum geschickt wurde, um etwas für den Unterricht zu holen. Ich weiß nicht mehr, was es war, ich erinnere mich nur noch daran, dass ich stumm und mit großen Augen in der Tür stand und kein Wort herausbringen konnte. Genauso wie jetzt.
„Ich wollte nur zuhören“, bringe ich schließlich irgendwie über die Lippen, leise und kaum verständlich, aber die Männer nickten verständnisvoll, als wüssten sie, wie ich mich fühle.
„Ich glaube, ich gehe jetzt“, murmle ich und versuche, mich von der Pianistenhand zu lösen. Was leider nicht so klappt, wie ich es möchte. Er verstärkt seinen Griff um meinen Arm noch ein wenig und sieht zum Cellisten hinüber.
Sie sehen sich ähnlich, wie Brüder.
Und sie haben die gleichen Augen. Und können sich offenbar nur durch Blicke verständigen, denn jetzt nimmt der Cellist meinen anderen Arm und zieht mich mit sich aus dem Zimmer. „Ich bringe dich zu Emma. Meiner Verlobten“, fügt er hinzu, als ich ihn verdutzt ansehe.
„Sie gibt dir etwas zum anziehen, so kann man dich ja nicht auf die Straße lassen.“
Wenn du wüsstest, denke ich. Doch ich sage nichts dazu.
Wir gehen eine Treppe hinauf, wie eine kleine überdachte Brücke führt sie über einen düsteren Innenhaus in ein Hinterhaus.
Emma, stellt sich heraus, ist die kleine Emily, die kleine Schwester meiner Freundin. Nur erwachsen. Und in ebenso spitzenbesetzten Kleidern wie alle anderen Frauen hier auch.
„Emily?“, frage ich erstaunt. Und dann schiebt sich ein Gedankenfetze vor meine nächsten Wörter. Reinkarnation. Wiedergeburt. Neues Leben, neues Glück. Vielleicht ist Emma ja Emily, aber 100 Jahre früher?
„Nein, Emma“, antwortet sie ein wenig bissig. Au weia...
Dann mustert sie mich, von Kopf bis Fuß, sodass es mir noch unangenehmer ist als im Musikzimmer eben grade noch. Sie zieht ein Maßband hinter einem Stapel Papiere hervor und vermisst mich, die Länge meiner Arme, die Dicke meiner Oberschenkel. Der Umfang meiner Fesseln und meines Kopfes. Eine Ewigkeit geht das so weiter, eine Ewigkeit, in der ich Zeit habe, mir das Zimmer anzuschauen, in dem ich gelandet bin. Es scheint eine Art Schneideratelier zu sein, falls es denn so etwas gibt. Noch nie zuvor war ich in so einem gemütlichen und gleichzeitig chaotischen Raum gewesen wie jetzt – mit Ausnahme meines Zimmers zuhause. Zuhause, wie sich das anhört. Als wäre ich verreist. Aber eigentlich hab ich nicht den Ort gewechselt, sondern die Zeit. Wie nennt man so etwas?
Der Cellist steht noch immer in der Tür, er scheint sich keinen Zentimeter bewegt zu haben, und mustert mich intensiv. So intensiv, dass es schon wieder unangenehm und peinlich ist.
Er räuspert sich: „Woher kommst du?“
„Ähm...“, wie sollte ich ihm meinen Aufzug erklären? Frauen, die Hosen tragen sind sicherlich noch ziemlich selten in der Gesellschaft.
„Ich komme hier aus der Nähe“, versuche ich auszuweichen.
„Nein, nein, ich meine aus welcher Zeit bist du?“, ungeduldig wechselt er das Standbein.
Was?! Er wusste von diesem... Zeiten-änder-Ding? Und ich stehe ahnungslos da und weiß nicht, wie ich den Leuten schonend meine Garderobe erklären soll?
„Ja, also... gestern war es noch 100 Jahre später“, stammele ich und blicke auf den Boden.
Das Fenster zu Hof steht offen und ich höre das Klavier wieder spielen.
„Sag mal, woher weißt du eigentlich, dass ich aus einer anderen Zeit komme?“
Er erklärt mir geduldig, dass sich seit Jahrzehnten Menschen in die Vergangenheit... verirrten. Seine Familie spüre sie auf und helfe ihnen auf ihrem Weg zurück in die Zukunft, sagt er. Oder passt sie an die neue Zeit an, wenn der Mensch in der Zukunft... nicht mehr lebt. So wie ich.
„Soll das heißen, ich sitze hier fest?“ Meine Stimme erhebt sich. So laut habe ich den ganzen Tag noch nicht geredet.
Nun, es hat mir ja bis jetzt niemand erzählt, dass ich mein restliches Leben im 20. Jahrhundert verbringen werden.
Polternd kommt der Mann mit dem weißen Rauschebart die knartschende ausgetretene Holztreppe hinauf, schnaufend und mit einem leichten Schweißfilm auf der Stirn stöhnt er.
„Hast du ihr alles erklärt, Thomas?“ fragt er den Cellisten.
Thomas nickt.
„Wie heißt du?“
„Liv“, antworte ich.
„Liv. Die Abkürzung von Olivia?“
„Nein“, ich schüttle den Kopf. Emma zischt geärgert. „Entschuldigung. Nein, ich heiße nur Liv. L-I-V“, buchstabiere ich.
Der alte Mann kratzt sich am Bart. „Dann wirst du jetzt wohl Olivia heißen müssen, denn hier gibt es den Namen Liv nicht. Gut? Oder willst du lieber einen anderen Namen?“
Stumm sehe ich ihn an.
In der Zeit springen, okay. Dann eröffnet bekommen, dass man nie wieder in die eigene Zeit zurück kann, nicht schön, aber noch annehmbar. Aber ein neuer Name? Ich glaube, da hört der Spaß wohl auf.
„Getauft bin ich auf den Namen Livetta, falls das hilft. Aber so nennt man doch nicht einmal seinen Hund!“
„Nun ja“, hinter dem alten Mann ist der Pianist die Treppe hinaufgekommen. Ich habe gar nicht bemerkt, dass er aufgehört hat zu spielen. „Haben wir nicht eine Großcousine namens Livetta?“, fragt er, „Die aus Lübeck?“
„Stimmt. Dann bist du jetzt Großcousine Livetta aus Lübeck, die hier Landluft schnuppern möchte. Wie lange du hierbleibst, weiß noch niemand. Dann sehen wir weiter.“

Sie haben noch einige Male mit mir über mein „bisheriges Leben“ gesprochen, ich bin ein Stadtkind von der Ostsee, mein Vater besaß einen Handelskontor, kam aber vor einigen Wochen bei einem tragischen Unfall ums Leben. Wenn jemand genaueres über ihn wissen will, dann soll ich ein trauriges Gesicht machen und anfangen zu schluchzen. Ein paar Tränen wären hilfreich, aber nicht gerade notwendig.
Jakob, der Pianist, hat mir am frühen Abend dann, als ich fertig eingekleidet bin – ein blasses blau, das meine blonden Haare goldener aussehen lässt, als sie sind – bei einem Spaziergang meine Stadt gezeigt. Den Breiten Weg weiter entlang. Dort wo heute – nein, 2013, ich vergesse den Umstand meiner Zeitreise immer und ständig – das Shoppingcenter steht, ist ein Theater. Es ist nicht halb so imposant wie das Opernhaus, aber trotzdem interessant zu sehen, was ein Jahrhundert vor meiner Zeit hier stand. Ich erzähle ihm von dem Center, dem großen Springbrunnen im Untergeschoss, den lustigen Nachmittagen mit meinen Freundinnen.
Und ich erzähle ihm noch viel mehr, fast mein gesamtes bisheriges Leben. Ich fasse es selbst nicht, warum ich einem so wildfremden Menschen wie Jakob davon erzähle.
„Ich habe vorhin deine Blicke gespürt“, sagt er in einer Pause in meinen Ausführungen. Mittlerweile habe ich ihm alles über den Breiten Weg erzählt was ich weiß. Wie er bei uns ist. Dass der Domplatz sehr viel kleiner geworden ist, und fast die gesamte Straße aus Ladenzeilen besteht. Kaum findet man ein Haus ohne bunt geschmücktes Schaufenster. Jährlich kommen Touristen, um sich das letzte Hundertwasserhaus anzusehen, das eigentlich kein richtiges Hundertwasserhaus ist, weil Hundertwasser bereits vor Baubeginn verstorben ist. Außerdem findet auf unserem Domplatz jedes Jahr ein Freiluftmusical statt.
Und er erzählt mir von seinen Erinnerungen an diese Straße.
Langsam geht die Abendsonne in unserem Rücken unter, wir drehen uns um, um ihr dabei zuzusehen, wie sie sich hinter den Domtürmen versteckt und immer tiefer sinkt. Ein Geruch nach zuckersüßen Bonbons liegt in der Luft.
Jakob lässt mich ein paar Augenblicke auf der Straße stehen und betritt ein Geschäft. Im Schaufenster liegen Lollis und Karamellen aus, eine Eistüte wurde auf ein kleines Plakat gemalt und ins Schaufenster gehängt. Ich sehe Jakob an dem kleinen Tresen stehen, hinter ihm ein kleines Regal mit Schokolade.
Kurz darauf kommt er wieder zu mir und reicht mir ein kleines Tütchen mit Karamellbonbons und Türkischem Nougat. Wir setzen unseren Weg fort und stehen kurz darauf wieder vor dem Haus von Jakobs Familie. Er öffnet die Tür und hält sie Gentlemanlike für mich auf. Ich trete ein und höre Musik aus dem Zimmer.
Diesmal sitzt Thomas am Cello und spielt eine Variation des Themas von vorhin.
Ich bleibe stehen.
„Spielst du auch?“, fragt Jakob und nimmt mir die Zuckertüte aus der Hand.
Klebriges Süß hindert mich daran, ihm zu antworten. Ich nicke nur leicht, aber er deutet es richtig und schiebt mich hinein.
„Spiel etwas für uns!“, fordert Thomas mich auf und Jakob lächelt mir aufmunternd zu.
Ich setze mich und lege die Hände auf die Tasten.
Und bin wieder in meiner eigenen Welt. Alles ist in Ordnung, ich bin nicht weggelaufen, nicht gesprungen, nicht gestorben und nicht in der Zeit gereist. Ich sitze einfach am Klavier und erschaffe allein mit meinen Fingern eine eigene Welt.
Für den Moment kann ich alles vergessen, sogar mich selber, aber ich weiß, dass ich vor meinem Schicksal nicht davonlaufen kann.

Auf keiner Straße der Welt.

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Liebe Sarah,
Wenn es nicht ganz so deinen Vorstellungen entsprochen hat, kann ich es voll und ganz nachvollziehen! Ich hatte das ganze eigentlich auch etwas anders geplant, aber es hat mich einfach übermannt...
Aber vielen Dank, dass ich bei deinem Wettbewerb mitmachen durfte! Es war eine Wohltat, mal 4 Seiten am Stück zu schreiben :D

Liebe Grüße und viel Spaß beim entscheiden :P
Lisa 

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